Kürzlich ist mir in einer Buchhandlung das Titelblatt eines Kalenders 2022 aufgefallen: «Ich bin Ich» – nur drei Wörter, doch die haben es in sich.
Unser Alltag ist voll von Ich-bin-Aussagen: Ich bin Schauspielerin, ich bin verheiratet, ich bin fit. Wir hören dies dauernd, obwohl «ich bin», schwer zu verstehen ist. Denn dieses Ich, das eine Aussage über sich selbst macht, ist kaum in Worte zu fassen. Und das Wort «bin» ist auch nicht einfacher, weil sich das Sein einer Beschreibung entzieht und eigentlich nur postuliert und subjektiv erlebt werden kann.
Wenn wir hören, ich bin Schauspielerin, verknüpfen wir damit eine ganze Kette von Assoziationen. Mit «ich bin» geben wir uns eine Identität, und wir haben das Bedürfnis, diese auch von den Menschen um uns herum zu kennen. Dies scheint eine wichtige Gemeinsamkeit von uns Personen zu sein. Darum lesen wir, beispielsweise auf Social Media, ich bin Musikerin, ich bin Eidgenosse, ich bin Vater, mein Name sei Gantenbein.
Ein Ich will also etwas sein, vielleicht muss es sogar eine Identität haben. Denn wir haben lieber eine negative Identität als gar keine, zum Beispiel, ich bin chronisch krank, oder, ich bin unglücklich verheiratet. Wie wichtig eine solche Identität ist, sieht man auch an jenen, die lieber sterben als ihre eigene Identität in Frage stellen.
Kommen wir zurück zu «Ich bin Ich». Man kann dies verschieden lesen, beispielsweise als Zirkelschluss, in dem ein Ich sagt, dass es ein Ich ist, was mit dem ersten Ich ja schon gesagt ist. Ein Ich dreht sich also um sich selbst, um diese Person, die es glaubt zu sein. Oder anders formuliert, ein Ich sagt sich selbst, dass es dieses Ich ist – eben, nur ein Zirkelschluss.
Mein Sohn meinte, hier könnte dieser Blog zu Ende sein. Deshalb nur noch ein Gedanke: «Stell dir vor, du gibst die Identifikation mit dir selbst auf. Du willst das zwar nicht, und doch, du wirst nichts vermissen. Denn da ist niemand der etwas vermissen könnte.»

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