Es wird oft über das Jetzt gesprochen und geschrieben. Zum Beispiel ist damit der Übergang gemeint, durch den die Zeit von der Zukunft in die Vergangenheit fliesst. Dazu gehört, dass es im Jetzt keine Vergangenheit und keine Zukunft gebe und somit auch kein Bedauern über die Vergangenheit und keine Sorge um die Zukunft – also keine Schmerzen und keine negativen Gedanken und Gefühle. So erlebe der Mensch, verweilend im Jetzt, einen sorglosen und befreiten Zustand. Das Jetzt kann man als beliebig kurz ansehen, so kurz, dass nur noch ein Sein erfahren wird ohne Absicht und ohne Handlung. Das Jetzt ist also fast nichts.
Auch wenn ein Jetzt fast nichts ist, ist es immer noch etwas, es ist nicht nichts. Und jedes Etwas, und mag es noch so klein sein oder kurz dauern, ist immer noch sehr viel mehr als ein Nichts. Denn im Vergleich zu einem Nichts können wir ein Jetzt erleben und bewusst wahrnehmen. Diese bewusste Wahrnehmung wird zum Beispiel in der Meditation und im Yoga und ähnlichen Techniken geübt.
Von fast nichts zu gar nichts ist ein grosser Schritt. Denn im Nichts ist nichts, auch nicht ein Rest von Jetzt. Ein Nichts ist nicht teilbar in noch kleinere Teile. Es entzieht sich der Wahrnehmung und der Sprache und auch dem, was wir eine Erfahrung nennen. Denn im Nichts ist auch kein Mensch, der dieses Nichts erleben könnte. Nichts ist mit nichts vergleichbar, weil es keine Eigenschaften hat.
Alles Geschehen wird gerne mit einem Theater verglichen. Eine Fotokamera kann einen Moment, also ein Jetzt, in diesem Theater festhalten. Ein solches Jetzt ist bereits sehr reduziert. Und doch ist es immer noch viel mehr als ein Nichts. In einem Nichts gibt es nicht nur keine Schauspieler und somit keine scheinbare Handlung, es gibt auch keine Bühne als materielle Grundlage, es gibt keine Zuschauer mit ihren subjektiven Erfahrungen und somit auch kein Jetzt mit seinem sorglosen und befreiten Zustand.

Eine Analogie aus der Geometrie: Ein Punkt ist ausdehnungsloses Objekt ohne Länge, Breite oder Tiefe (Ausdehnung). Er dient der Markierung einer exakten Position im Raum oder in einem Koordinatensystem (Beziehung/Verhältnis).
Das Jetzt hat als Zeitpunkt keine eigene Ausdehnung in der Zeit. Es markiert die Position in der Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft.
In unserer erlebbaren, räumlichen Umgebung ist Ausdehnung (räumliche Existenz) eine Vorraussetzung für Beziehung/Verhältnis.
Ein Punkt (sowohl in Raum als auch in der Zeit) ist ein theoretisches Konstrukt, weil er ohne eigene Ausdehnung die Eigenschaft Beziehung/Verhältnis beinhaltet.
Dem Nichts fehlt nicht nur die Ausdehnung, sondern auch die Eigenschaft Beziehung/Verhältnis, die einem Punkt noch zugeordnet werden kann.
Vielen Dank für diese präzise geometrische Ergänzung und den Vergleich und schliesslich den Gemeinsamkeiten zwischen Raum und Zeit. Mir scheint auch die Schlussfolgerung wichtig, dass dem Nichts keine Beziehung zugeordnet werden kann. Doch auf der Ebene der Person sind mir Beziehungen sehr wichtig und wertvoll mit der ganzen bereichernden Vielfalt zwischen Subjekten und Objekten. Doch das Nichts ist nicht und kennt deshalb diese Dualität nicht und somit auch keine Beziehungen.