Interviewer: Marguerite Porete, aus Ihrer Biografie ist wenig Genaues bekannt, ausser der Tag Ihrer Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen am 1. Juni 1310 in Paris.

Marguerite Porete: Ja, mein Leben bis zu meinem Eintritt bei den Beginen ist kaum dokumentiert. Auch über die Zeit bei den Beginen ist, in Anbetracht meiner besonderen Zeit, die ich dort erlebte, wenig bekannt. Doch der Prozess, der zu meiner Hinrichtung führte, ist gut dokumentiert.

I: Weshalb wurden Sie zum Tode verurteilt?

MP: Nun, offiziell bestand die Anklage aus fünfzehn Punkten die sich mehr oder weniger direkt auf mein Buch bezogen, «Der Spiegel der einfachen Seelen»[1]. Doch darüber liess sich streiten. Vielleicht hat deshalb der Prozess rund zwei Jahre gedauert. Es war insbesondere meine innere und äussere Freiheit, die ich lebte und lehrte, die der Inquisition ein Dorn im Auge war. Ausserdem waren die Beginen ein Laienorden, dem man kritisch begegnete. Und, dass ich vor dem Inquisitor schwieg und nicht widerrufen habe, hat auch zu meiner Verurteilung beigetragen.

I: Wie würden Sie den «Spiegel der einfachen Seelen» in der heutigen Zeit schreiben?

MP: Es gibt Themen, die bestimmt die gleichen wären. Ich denke dabei an die Freiheit und an die Liebe. Um diese Begriffe drehen sich meine wichtigsten Aussagen. Dies sind wohl Themen, die alle zu jeder Zeit betreffen.

I: Die Inquisitoren haben sich ja nicht an Ihren Aussagen über die Liebe gestossen, sondern über die Freiheit.

MP: Ja genau, über die Freiheit, nichts zu tun. «Tugenden, Abschied nehme ich nun von euch für immer!»[2]. Damit meine ich nicht eine Passivität, sondern dass die Tugenden, also die religiösen Handlungen und die alltäglichen Verpflichtungen keine Bedeutung haben, um Gott zu erkennen, oder auch nur, um Gott zu gefallen.

I: Was sagen Sie über Gott?

MP: «Doch einzig und allein dieser ist mein Gott, über den man keine Aussage treffen kann»[3]. Und entsprechend schrieb ich auch immer wieder über die zunichtegewordene Seele: «Diese Seele versteht sich nun nicht mehr darauf, von Gott zu sprechen. Denn sie ist in all ihrem äusserlichen Begehren, in ihrem inneren Fühlen, in ihrer gesamten geistigen Verfasstheit zu Nichts geworden»[4].

I: Dieses Nichts, und somit die Negation von Aussagen über Gott, wird ja seit Eriugena als negative Theologie bezeichnet. Wie wurde die negative Theologie in Ihrer Zeit beurteilt, also rund vierhundert Jahre nach Eriugena?

MP: Meine Aussagen, in denen ich das Wort Nichts benutze, waren kein Stein des Anstosses. Auch nicht, was ich über Gott oder die zunichtegewordene Seele[5] sage, oder dass «der Seele alles, … als ein Nichts erscheint»[6]. Doch die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, waren mit einem volkstümlichen Glauben nicht vereinbar. Denn ich erkannte, dass wir Beginen und auch der Klerus fixiert waren auf das, was ich mit Tugenden zusammenfasse. Dazu gehören Messen, Predigten, Fasten und Gebete[7]. Die ideale Frömmigkeit bestand darin, diese Handlungen möglichst selbstlos auszuführen. Und da komme ich nun, als einfache Begine und lehre, dass das alles keine Bedeutung hat, dass die zunichtegewordene Seele völlig frei ist vom Zwang, diesen Tugenden gehorsam zu sein[8].

I: Marguerite Porete, ich danke Ihnen für dieses Gespräch über das Nichts und die Freiheit nichts zu tun.

MP: Danke auch. Ich möchte noch etwas ergänzen: «Das Beste, was ich Euch sagen kann, ist, dass Ihr, wenn Ihr in vollkommener Weise Eure Nichtigkeit erkennt, nichts tun werdet, und dieses Nichts wird Euch alles geben»[9].


[1] Marguerite Porete. Der Spiegel der einfachen Seelen. Wiesbaden: Matrixverlag, 2011.

[2] Ebd. Kapitel 6, S. 31.

[3] Ebd. Kapitel 11, S. 42.

[4] Ebd. Kapitel 7, S. 33.

[5] Ebd. Kapitel 26, S. 65: «Eine solche Seele hat eine so klare Erkenntnis, dass sie sich als nichts in Gott und Gott als nichts in ihr sieht».

[6] Ebd. Kapitel 13, S. 49.

[7] Ebd. Kapitel 13, S. 47.

[8] Ebd. Kapitel 8, S. 34f.

[9] Ebd. Kapitel 34, S. 75.