Was ist denn das, ein Nichts? Ist beispielsweise das Schwarze Quadrat von Malewitsch ein Nichts? Oder ist alles nichts? Nun, es liegt schon in diesen Fragen eine Spannung, weil sie die Worte «sein» und «nichts» enthalten.
Auch die antiken Griechen beschäftigte das Nichts. Parmenides lebte vor rund 2500 Jahren, also noch vor Sokrates und Platon. Er ist der älteste mir bekannte Philosoph, der etwas Schriftliches zum Thema hinterlassen hat. Es gibt von ihm nur eine kleine Schrift mit dem Titel «Vom Wesen des Seienden»[1]. Parmenides ist nicht so leicht zu lesen. Vielleicht gibt es auch deshalb eine unübersehbare Menge von Kommentaren, und noch mehr Kommentare über Kommentare. Und seine Sprache hat auch etwas Geheimnisvolles. Die erste Zeile lautet so: «Die Stuten, die mich fahren so weit nur mein Wille dringt»[2]. Er lässt sich also fahren und trifft dann eine nicht näher benannte Göttin, die ihn belehrt.
In dieser Begegnung geht es zuerst um das Sein und das Nichtsein. Und dann folgt, wie mir scheint, eine zentrale Aussage: «Nichts ist nicht»[3]. Parmenides meint also, ein Nichts habe kein Sein: Nichts … ist nicht. Es ist erstaunlich, dass wir mit unserer Sprache so leicht ein Nichts umschreiben können, also etwas ohne Sein und ohne Eigenschaften. Dies ist mit anderen Ausdrucksformen als der Sprache schwieriger.
Das Schwarze Quadrat von Malewitsch ist schon sehr reduziert. Und doch, es hat ein Sein. Malewitsch stellte es 1915 erstmals in einer Galerie aus. Und es hat auch Eigenschaften. Es ist nämlich schwarz und quadratisch.
Auch in der Musik gibt es kein Nichts. Vielleicht am ehesten noch das Werk 4′33″ von John Cage. Wobei, es kann aufgeführt werden. Es geschieht also etwas und man kann die relative Stille hören, um die es in diesem Werk geht. Diese relative Stille könnte man mit einem Nichts assoziieren.
Die Sprache ist da viel konkreter: Nichts ist nicht, meint Parmenides. Man kann das leicht schreiben und auch lesen. Doch es ist wohl ausserhalb der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Auch ein Nichts zu denken, oder zu sehen, entzieht sich unseren subjektiven Erfahrungen.
Ist also alles nichts? Die Antwort auf diese Frage können wir, als im Sein verwurzelte Personen, nur erahnen.
[1] Parmenides. Vom Wesen des Seienden, Die Fragmente Griechisch-Deutsch. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2014.
[2] Ebd. Fragment 1,1, S. 5.
[3] Ebd. Fragment 6,2, S. 9.

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