Nach rund einem Jahr seit der Publikation des Buches «Das Einzige»[1] möchte ich diesem zur besseren Einordnung eine Prise Systematik hinzufügen. Denn eine solche ist nicht explizit oder nur andeutungsweise beschrieben.

Als Einstieg der Klappentext aus «Das Einzige»:
«Unser Sein scheint uns real und selbstverständlich. Und genauso selbstverständlich sagen wir: ‘Ich bin’. Doch was ist das eigentlich, dieses ‘Ich’? Was bleibt, wenn wir es wagen, unser Sein und unser Bewusstsein infrage zu stellen?
Hermann Kölbener lädt die Lesenden ein auf eine Reise in die Weite des Nichts. Er zeigt dabei überraschende und nicht alltägliche Perspektiven auf das Sein und auf das Nichtsein.»

Damit sind einige wesentliche Begriffe bereits erwähnt. Es geht um Perspektiven und es geht um das Sein, und im Vergleich dazu, um das Nichtsein. Die Schwierigkeit über das Nichtsein zu schreiben besteht darin, dass es ausserhalb von unseren alltäglichen Erfahrungen liegt. Im Gegenteil, der Volksmund sagt sogar, ‘es ist immer etwas’ und ‘es ist nie nichts’.

Ich benutze zwei Dimensionen, um dem Nichtsein mit einer Prise Systematik näher zu kommen:

  • Zwei Sichten, eine philosophische und eine mystische.
  • Drei Perspektiven, ich nenne sie schlicht A, B und C.

Eine Vorbemerkung: Ich wollte die wesentlichen Aussagen aus «Das Einzige» mit einer Systematik der zentralen Begriffe unterlegen. Doch dies hat sich als schwieriger als erwartet herausgestellt. Die Schwierigkeiten begannen schon bei der Unterscheidung zwischen Philosophie und Mystik. Denn diese Grenze ist bei genauerer Betrachtung nicht so scharf wie man vermuten könnte. Die Mystik wird allgemein als subjektive und individuelle Erfahrung bezeichnet. Doch sobald diese Subjektivität in Worte gefasst wird, entsteht eine Nähe zur Philosophie. Ähnliche Schwierigkeiten bestehen auch auf der Suche nach einer klaren Trennung der drei Perspektiven A, B und C:

Bild 1 – Die sechs Felder als Ausgangslage für eine Prise Systematik

Meine ursprüngliche Absicht dieses Artikels war, die sechs leeren Felder von Bild 1 zu definieren und gegeneinander abzugrenzen. Dies ist mir nur teilweise gelungen. Die drei Perspektiven lassen sich aus philosophischer Sicht ausreichend beschreiben. Doch die Trennung zwischen Philosophie und Mystik ist nicht scharf und die drei Perspektiven aus mystischer Sicht haben bei genauerer Betrachtung fliessende Übergänge. Trotzdem habe ich mich entschieden, diesen Artikel zu publizieren, obwohl er nur eine Prise Systematik enthält. Denn mir scheint, dass auch die Auseinandersetzung mit Unschärfe zur Klärung beitragen kann.

Drei Perspektiven aus philosophischer Sicht[2]

A, B und C beschreiben drei Perspektiven auf das Sein und auf das Nichtsein:

A – Sein und Haben
B – Sein
C – Nichtsein

Es sind drei verschiedene Perspektiven auf dasselbe, so wie man einen ‘Stuhl’ von verschiedenen Seiten betrachten kann und er doch aus jeder Perspektive anders aussieht. Es ist also nicht ein Entweder-oder, zum Beispiel von A oder B oder C, sondern sie ergänzen sich gegenseitig. Die Frage ist eher, aus welchen Perspektiven wir auf den ‘Stuhl’ schauen.

A – Sein und Haben
Die Perspektive A umfasst unsere alltäglichen und individuellen Erfahrungen, die wir bewusst wahrnehmen und reflektieren. Es geht um den gesamten Facettenreichtum des Lebens und der Lebensqualität, also um viele und um vieles. So manche alltägliche Aussage enthält entweder das Verb sein (Ich bin …) oder das Verb haben (Ich habe …).
‘Ich habe einen bequemen Stuhl.’

B – Sein
Über das Sein gibt es in der Philosophie eine unüberblickbare Menge von Literatur und entsprechend viele verschiedene Definitionen. Im aktuellen Kontext ist das Sein, das Sein von allem. Dies im Gegensatz zum Nichtsein. Es geht nicht um das Haben von dem was ist und auch nicht um das Werden, sondern darum, dass da etwas ist. Und das was geschieht, geschieht einfach. Es ist nur eins, nämlich das Sein.
‘Der Stuhl ist kein eigenständiges Objekt. Er ist Teil vom Sein von allem.’ (Martin Heidegger würde dies wohl so formulieren, dass der Stuhl Teil vom Seienden ist.)

C – Nichtsein
Nichtsein ist die Negation von Sein. Kein einfacher Gedanke und an der Grenze der sprachlichen Möglichkeiten. Denn wenn wir über das Nichtsein sprechen, wird es grammatikalisch zu einem Objekt, obwohl das Gegenteil gemeint ist. Im Nichtsein ist alles eine Illusion und jede Handlung geschieht nur scheinbar. Die Menge dieser Perspektive ist Null, also ein Nichts.
‘Es gibt keinen Stuhl. Er ist Teil der Illusion.’

Drei Perspektiven aus mystischer Sicht

Die mystische Sicht auf die drei Perspektiven unterscheidet sich von einer philosophischen Sicht. Sie ist subjektiv und nicht rational. Das Nicht-Rationale lässt sich kaum begründen. Durch die Entfernung vom Rationalen kommt das Nichtsein näher. Eine Bewegung, gegen die sich der Verstand spontan wehrt und es kann ihn leicht ein Schaudern ergreifen, wenn das Ich, also die eigene Person, infrage gestellt wird.

Die drei Perspektiven aus mystischer Sicht:

A – Spiritualität
B – Das Einzige als Einssein
C – Das Einzige als Nichtsein

Wenn wir nun die philosophische Sicht der drei Perspektiven ergänzen mit der mystischen Sicht entsteht diese Übersicht:

Bild 2 – Die drei Perspektiven aus philosophischer und mystischer Sicht

A – Spiritualität
Spiritualität müsste an dieser Stelle in Klammern stehen, weil es zwischen Spiritualität und Mystik nur eine kleine Schnittmenge gibt. Ich verstehe unter der Perspektive A die alltägliche dualistische Spiritualität mit ihren vielfältigen Ausprägungen. Dazu gehören viele verschiedene Themen, zum Beispiel über das Selbst, den Tod, geistige Wesen, usw. Unter Spiritualität verstehe ich auch Visionen aller Art und erhabene Gefühle wie sie bei religiösen und nichtreligiösen Ritualen erlebt werden können. Spiritualität in diesem Sinne wird als «Sein und Haben» erlebt. Der Spirituelle ist vielleicht entzückt oder erleuchtet, oder er hat einen Gott oder eine geistige Erkenntnis.

B und C – Das Einzige
Das Nichts ist ein philosophischer Begriff. Um diesen in die Sprache der Mystik zu übertragen, habe ich das Wort das ‘Einzige’ ausgewählt. Ich beschreibe die beiden zugehörigen Perspektiven B (Einssein) und C (Nichtsein), indem ich auf die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten eingehe. Eine Gemeinsamkeit ist das Fehlen einer Individualität, also eines Ichs oder einer Person – ein Gedanke, der eigentlich nicht gedacht werden kann, weil nur eine Person etwas denken kann. So entstehen unausweichlich Aussagen, die sich etwas fremd anhören, wie zum Beispiel, «Wenn es so etwas wie Erleuchtung geben sollte, besteht sie darin zu sehen, dass es keine Erleuchtung und keinen Erleuchteten gibt».[3] Es gibt keine Trennung von Subjekt und Objekt, nur ein Einssein und ein Nichtsein. Und damit kommen wir zu den Unterschieden.

B – Das Einzige als Einssein
Die mystische Perspektive B beschreibt das Sehen, dass alles Eins ist. Dies ist ein Sein ohne Vielfalt und ohne Individualität. Es gibt keine Vielfalt wie in Perspektive A, sondern nur das Einssein von allem. Damit stehen wir an der Grenze der Erlebbarkeit. Nur in solchen Zusammenhängen benutze ich das Wort Sehen. Also hier, das Sehen, dass alles Eins ist.

C – Das Einzige als Nichtsein
Die Perspektive C ist das Sehen des Einzigen, ein Sehen, dass da kein Sehender ist, der etwas sehen könnte.[4] Das Paradoxe an diesem Satz kann sprachlich nicht aufgelöst werden. Eigentlich müsste dieser kurze Abschnitt noch kürzer sein, denn alle Versuche, das Einzige in Worte fassen, können es doch nicht fassen.

Weitere Aspekte

Bild 3 – Weitere Aspekte der drei Perspektiven

Das Bild 3 zeigt weitere Aspekte der drei Perspektiven, die bisher noch keinen oder wenig Platz einnahmen. Insbesondere die Aussagen über das ‘Bewusstsein’ führen in ein weites und spannendes Thema.[5] Die ‘Zitate aus Das Einzige’ stellen weitere Bezüge zu diesem Buch her.

Epilog

In «Das Einzige» gibt es ein Kapitel Mystisches[6] und ein Kapitel Philosophisches[7]. Mystik und Philosophie in einem Buch zu vereinen scheint eher ungewöhnlich zu sein. Mir ist keine Literatur bekannt, die sich aus diesen beiden Sichten mit dem Nichts auseinandersetzt. (Deshalb bin ich an entsprechenden Literaturempfehlungen interessiert – bitte an hermann@das-einzige.eu.) Für mich steht das Mystische im Vordergrund. Das Philosophische empfinde ich als bereichernde Ergänzung, weil es einen Versuch darstellt, sich rational und sprachlich mit dem Nichts auseinanderzusetzen.

Eine Bemerkung zur Quellenlage: Die Auseinandersetzung mit dem Nichts zieht sich in der Geschichte der Philosophie von der Antike bis in die Gegenwart. In der westlichen Mystik gibt es einen Schwerpunkt vom 12. Jahrhundert bis gegen das Ende des Mittelalters. Davor und danach ist die Quellenlage deutlich dünner.

Nun hoffe ich, dass ich mit dieser Prise Systematik etwas zum Verständnis von «Das Einzige» beitragen konnte. Ich freue mich über Feedback und Fragen im Kommentarfeld unten oder an hermann@das-einzige.eu.

Nach all diesen Worten und der Vielfalt dieses Themas möchte ich wieder auf den Kern zurückkommen, und zwar mit einem Zitat aus dem Epilog von «Das Einzige»:
«Auf unserer Reise haben wir die Person hinter uns gelassen. Sie ist weiter weg als ein abgestreifter Mantel, den wir schon vergessen hatten. Und vor uns breitet sich unendliche Weite und Stille aus und wir sehen, wie alles nur scheinbar geschieht. Dies gibt einer Leichtigkeit Raum, die uns auch über das Einzige herzhaft lachen lässt.»[8]

Und für die Freunde der Systematik: Dieses Zitat ist eine mystische Sicht und bewegt sich zwischen den Perspektiven B und C.


[1] Hermann Kölbener. Das Einzige – Reflexionen über die Unendlichkeit von nichts. Nordhausen: Verlag Traugott Bautz GmbH, 2025.

[2] Ebd. S. 31ff.

[3] Ebd. S. 17.

[4] Ebd. S. 19.

[5] Ebd. S. 39f und S. 79f.

[6] Ebd. S. 17ff.

[7] Ebd. S. 27ff.

[8] Ebd. S. 83.