«Denken ohne Geländer» ist eine oft zitierte Aussage von Hannah Arendt, obwohl sie diese nur einmal machte, 1972 an einer Konferenz in Toronto. Sie erläuterte, dass man sich an einem Geländer wie beim Treppensteigen festhalten kann, um nicht zu fallen, und dass sie «Denken ohne Geländer … zu tun versuche»[1].

Arendt lässt offen, worin diese Geländer bestehen. Wenn ich Menschen zuhöre und lese, würde ich zum Beispiel solche Aussagen als Geländer bezeichnen:

  • Es gibt keine Wahrheit
  • Alles ist Bewusstsein
  • Es gibt kein Sein
  • Der Mensch ist gut
  • Es gibt einen Gott
  • Nichts geschieht ohne Grund, usw.

Hannah Arendt bezieht das «Denken ohne Geländer» zuerst auf sich selbst. Dies ist im Blick auf ihre Biografie nachvollziehbar. Denn sie wollte nicht einer bestimmten Denkschule zugeordnet werden, oder sich irgendwelchen Zwängen beugen, trotz der zum Teil heftigen Kritik an ihrer Arbeit. Sie fühlte sich frei und benötigte kaum ein Geländer, «um nicht zu fallen». Und so scheint es mir sehr treffend, dass sie meint, sie «versuche» ohne Geländer zu denken.

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und die Frage aufwerfen, ob wir ohne Geländer denken und handeln können? Denn Geländer bieten Orientierung, und sie sind nicht oder kaum beweisbar. Als Personen haben wir möglicherweise immer Geländer. Manche sind uns bewusst, andere sind unbewusst.

Doch der vielleicht wichtigste Aspekt ist, wie unsere Geländer gestaltet sind. Ob sie eher einer Mauer gleichen, oder ob sie nur eine überwindbare und temporäre Orientierung darstellen. Auch Hannah Arendt hatte Geländer, wenn auch sehr durchlässige und formbare, die jeweils zu ihren Lebensphasen passten. Es waren diese Art von Geländer, welche ihr eine Freiheit gaben, die auch von äusseren Umständen kaum angetastet werden konnte.

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Und nun noch einige weitere Aspekte.

Unser Denken und unser Alltag sind geprägt von einer individuellen Auswahl an meist antinomischen Geländern. Diese haben ihren Ursprung in:

  • Ideologien
  • Dogmen
  • Axiomen
  • Kants a priori
  • Platonischen Grundelementen und Ideen
  • allerlei Ismen, wie Monismus, Dualismus, Panpsychismus, Perspektivismus, usw.

René Descartes bekannteste Aussage «Ich denke also bin ich», könnte man auch als sein persönliches Geländer bezeichnen. Andere Personen sagen beispielsweise, ich bewege mich also bin ich, oder, ich empfinde also bin ich, ich liebe also bin ich, ich arbeite also bin ich, usw. Solche identitätsstiftenden Aussagen sind Geländer, die manchmal erst dann wahrgenommen werden, wenn sie sich verändern oder wegfallen. Identität und Geländer haben also eine gewisse Nähe.

Ideologien sind für Aussenstehende leicht erkennbare Geländer. Mir scheint, die Inhalte einer kollektiven Ideologie korrespondieren mit der individuellen Konstitution. Diese Synchronität zwischen einer Ideologie und der eigenen Persönlichkeit sind für den Ideologen ein stützendes Geländer. Und dies, obwohl die Ideologie selbst kaum bewiesen werden kann, oder nicht einmal bewiesen werden will.

Geländer, als Stützen unseres Denkens und Handelns, sind also individuell und subjektiv. Und wegen dieser Subjektivität zeigen Geländer, welcher Art auch immer, eine Gemeinsamkeit, nämlich eine Grenze der Vernunft.

Wenn also unser Denken und unser Handeln letztendlich auf kaum beweisbaren und subjektiven Geländern basieren, relativiert dies die menschlichen Unterschiede. Denn meine Geländer sind genauso subjektiv, wie jene meiner Mitmenschen. Dies zu sehen, macht toleranter und vielleicht auch etwas gelassener im Umgang mit den eigenen Geländern.


[1] Hannah Arendt. Zum Themenkomplex „Denken ohne Geländer“. Unter: https://www.deutschlandfunk.de/denken-ohne-gelaender-100.html. Stand:17.11.2022.